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:: Medical Trash Award - der Preis der Homophobie ::

Lesbengesundheit.de nominiert Fundstücke aus dem Bereich aktueller medizinischer und psychologischer Publikationen für den Medical Trash Award, der dem Gewinner bzw. der Gewinnerin irgendwann einmal verliehen wird, wenn ich sonst nichts Besseres mehr zu tun habe.

Bisherige Nominierungen:

Weitere Nominierungsvorschläge werden gerne entgegengenommen.

6) Frank

Wieder hat es ein Lehrbuch der Psychiatrie in die Nominierungsliste geschafft:
"Psychiatrie" (2007) von Wolfgang Frank, Urban & Fischer Verlag, erschienen in der 15. Auflage, die laut Autor "den Fortschritten und neuesten Erkenntnissen der Pychiatrie entschprechend überarbeitet und ergänzt wurde" (Vorwort).

"Homosexuelles Verhalten als Normvariante" heisst das Kapitel, das ich also mit Spannung lese, um mehr über die neuesten Erkenntnisse zum Thema zu erfahren. Immerhin gibt es schon (sehr gute!) englischsprache Lehrbücher zur psychischen Gesundheit von Lesben und Schwulen, die problemlos mehrere hundert Seiten mit aktuellen Erkenntnissen füllen.
Doch nicht in Deutschland - dort gibt es uns nicht als Klientinnen und Klienten (oder Mitarbeitende?) der Psychiatrien:

"In der Psychiatrie ins man mit Homosexualität meist nur bei psychischen Krisensituationen konfrontiert."

, lerne ich dort zuerst, gefolgt von einem Ratschlag, wie der ICD-10 (in dem Homosexualität, wie bekannt, nicht aufgeführt ist) es trotzdem ermöglicht, die sexuelle Orientierung zu klassifizieren.

Geht ja schon gut los.
Die nächste Doppelseite greift dann tief in die Klamottenkisten uralter medizinischer Mythen. Zur Begrifflichtkeit von Homosexualität heisst es:

"Bei Männern spricht man auch von Uranismus und Päderastie, bei Frauen von lesbischer Liebe, Tribadie und Sapphismus." (S.188)

???

"Bei Männern finden sich seltener stabile, homosexuelle Zweierbeziehungen, hingegen häufiger Partnerwechsel. Sexuelle Handlungen treten bei Lesbischen in den Hintergrund. Zärtlichkeit und emotionale Zuwendung ist vorrangig."

?????

Es geht weiter in einer kruden Mischung aus korrekten Halbsätzen, wenn z.B. auf die negativen Auswirkungen von Diskriminierung auf die psychische Gesundheit von Lesben und Schwulen verwiesen wird, unhaltbaren Behauptungen und veralteten Ansichten.

Der Autor versteigt sich gar zu der Behauptung über Lesben:

"Eine gesellschaftliche Diskriminierung besteht nur in geringem Umfang; lesbischer Liebe wird zudem in der Gesellschaft kaum Beachtung geschenkt."

Ja, wenn es denn so wäre und Herr Frank Lesben wenigstens ignoriert hätte (was natürlich niemals nicht eine Diskriminierung darstellt) - dann wäre uns dieses Lehrbuchkapitel erspart geblieben. Fachkompetenz sieht anders aus - und dafür erhält Herr Frank die sechste Nominierung für den Medical Trash Award.

5) Huber / Gross

Das gemischte Doppel Gerd Huber und Gisela Gross wird nominiert für ihr medizinisches Lehrbuch der "Psychiatrie", erschienen in vollständig überarbeiteter und aktualisierter Auflage 2005 im Schattauer Verlag.
Ein eigenes Kapitel beschreibt "Sexuelle Orientierung: Hetero- und homosexuelles Verhalten" im Kapitel "Sexualstörungen und Sexualabweichungen". Heterosexualität als Sexualstörung? - Wir hatten es zwar schon immer geahnt, aber so deutlich hätte wir es dann doch nicht zu formulieren gewagt.

Doch zu früh gefreut. In dem Kapitel geht es ausschließlich um Homosexualität, wobei natürlich zwischen "der vermutlich konstitutionell bedingten echten oder Neigungshomosexualität (...) die Hemmungs- und Entwicklungshomosexualität zu unterscheiden" ist.
Doch letztere ist eher was für Schwule:

"Bei der (strafrechtlich irrelevanten und weit weniger diskriminierten) Homosexualität der Frau (Sapphismus, Tribadie) spielt anscheinend nur die genuine, die Neigungshomosexualität (etwa 1-2 % der weiblichen Bevölkerung?) eine Rolle. Passagere homophile Einstellungen in der Pubertät und Postpubertät, überwiegend bloße Schwärmereien ohne sexuelle Kontakte sind relativ häufig (10-20%). Die Sexualbetätigung lesbischer Frauen, die sich zum Teil in Verhalten und Kleidung betont männlich geben, zeigt alle graduellen Abstufungen bis zur Verwendung von Phallusprothesen. Wenn gleichgeschlechtliche Beziehungen aufgenommen werden, ist Partnerwechsel seltener und die Entwicklung dauerhafter Bindungen häufiger als bei der männlichen Homosexualität." (S. 574)

Stellt sich die Frage: Wenn es schon weibliche Homosexualität nicht ist, sind dann solche Texte in Lehrbüchern eigentlich strafrechtlich relevant?

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4) Schepank

Mit einer Nominierung gratuliert Lesbengesundheit.de nachträglich Herrn Prof. Dr. med. Heinz Schepank zum 75. Geburtstag am 23.5.05.
Herr Schepank ist ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse an der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg und auch nach seiner Emeritierung aktiv geblieben. Sein Interesse galt insbesondere der sogenannten Zwillingsforschung. Im Lehrwerk "Psychosomatische Medizin" von Uexküll (2003) schreibt er in dem von ihm verfassten Kapitel über die Zwillingsforschung über "Spezielle Krankheitsbilder und Erscheinungsformen" (S. 6):
"Zu beachten ist, dass Homosexualität bei Frauen psychodynamisch und vermutlich auch genetisch ganz anders gelagert ist [als Homosexualität bei Männern, G.D.]". Homosexualität bei Männern hält er überwiegend für genetisch bedingt.
Wie er sich diese andere Lagerung bei Lesben vorstellt, hat er den geneigten LeserInnen schon einige Jahre vorher erklärt in seinem Werk "Zwillingsschicksale" (1996), ein Buch, das frau sich inhaltlich ähnlich auch sechzig Jahre früher hätte vorstellen können.
Zum lesbischen Verhalten hat er folgendes zu vermelden: Dabei handele es sich

"meist um eine psychogene neurotische Erscheinung, die sich aus einer frühkindlichen Fehlentwicklung ableitet, nicht selten ausgelöst durch eine heterosexuelle Liebesenttäuschung oder auch um eine sog. Nothomosexualität in Ermangelung männlicher Partner." (S. 234)

Diese Unterscheidung ist insofern interessant, als er aus der vermeintlichen genetischen Veranlagung sog. "männlichen Neigungshomosexualität" ableitet, dass psychotherapeutische Interventionen sinnlos seien, um diese Gruppe zu heterosexuellem Erleben umzupolen. Eine Hoffnung, die er wohl für Lesben noch nicht ganz begraben hat.

Es war schon immer eine große Stärke von Frauen, aus der Not eine Tugend zu machen! In diesem Sinne allen Leserinnen viel Spass bei der Ausgestaltung ihrer Neurose.

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3) Vonholdt

Christl Ruth Vonholdt wird als erste Frau für den Medical Trash Award nominiert für ihr Buch "Verwundete Weiblichkeit - Homosexuell empfindende Frauen verstehen" (2005).
Vonholdt, Dr. med., ist Leiterin des "Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft", Teil der christlich-fundamentalistischen "Offensive Junger Christen" und hat Übersetzungen von Aufsätzen verschiedener US-amerikanischer Glaubensschwestern und -brüder als Buch mit ihrem Vorwort herausgegeben:

"Die Texte möchten betroffenen Frauen helfen, weibliche Homosexualität besser zu verstehen. (...) Und sie möchten dafür sensibilisieren, dass weibliche Homosexualität nur ein Symptom ist, ein anderer Name für eine bestimmte, verwundete Weiblichkeit."

Verwundete Weiblichkeit?

"Frauen, die in einem frühem Stadium ihrer Entwicklung traumatisiert wurden, haben das Bedürfnis, ihr eigenes mangelhaftes Körberbild zu `heilen´, indem sie eine Verbindung mit anderen Frauen suchen."

Aber es gibt Hoffnung: Nicht jede Trägerin verwundeter Weiblichkeit muss zwangsläufig pervers leben:

"Wir wissen, dass viele Frauen in irgendeiner Weise emotionale Mängel in ihrer Kindheit erlebt haben und dass es keineswegs immer zu Entwicklung einer homosexuellen Neigung kommt. (...) Eine Frau, die ihre homosexuellen Neigungen verändern möchte, muss wissen, wohin sie möchte. Sie braucht ein Ziel. Eine klare Vorstellung von der Komplementarität von Frau und Mann kann ihr dabei helfen. (...) Veränderung einer homosexuellen Orientierung hin zu einer reifen heterosexuellen Orientierung und damit größerer Ganzheitlichkeit als Frau sind möglich."

Vonholdt sei für ihre klare Definition einer antiquierten Rollenvorstellung von Männer und Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft gedankt - denn welche will schon mit Topf und Deckel und Zwangsheterosexualität zurück in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts?

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2) Flöttmann

Die zweite Nominierung geht an den Kieler Nervenarzt und Psychotherapeuten Flöttmann für seinen Beitrag "Homosexualität und Ehe" in der neurologischen Zeitschrift neuro date aktuell im Mai 2004.
Der christlich-fundamentalistische Herr Flöttmann, der sich auch gelegentlich in Fernsehshows von Regionalsendern zum Thema äußern darf und außerdem in der Schriftleitung besagten Blattes sitzt, breitete sich und seine Fachkenntnis zu der selbstgestellten Frage `Warum Lesben und Schwule pervers sind und Perverse von Kindern und Ehe fernzuhalten sind´ in der Rubrik "Zur Diskussion" aus.
Doch lassen wir Herrn Flöttmann für sich selbst sprechen:

"Nach meinen Erfahrungen ist Homosexualität eine vorwiegend neurotische Störung. (...)
Homosexualität ist einzuordnen als eine der zahlreichen Spielarten, die unsere Seele, unser Geist und unser Körper wählt, weil Angst, Schuld, Not, Zerstörung, Aufweichung, Verbiegung, Verleugnung des Selbst einen quälen. Warum den einen die Angstneurose trifft, den anderen die Depression, die Zwangsstörung oder die Homosexualität, diese Frage ist ungelöst. (...)
Anstatt ihre Störung zu bearbeiten, öffnen Schwule eine Wundertüte. Sie wünschen sich Kinder und das Ehesakrament, ohne dafür geeignet zu sein. (...) Geschickt hat die Homosexuellenbewegung psychoanalytische Überlegungen und Erfahrungen beiseite gewischt. Sie bezeichnet ihre Störung als normal. (...)
Das Greifen der Homosexuellen nach der Ehe entspringt ihrer Sehnsucht, in ihrer Andersartigkeit gemocht und anerkannt zu sein. (...) Obwohl sie Verzauberte sind, tun sie so, als hätten sie die Möglichkeit, ein Leben zu führen wie Heterosexuelle. (...) Sie wollen den Makel tilgen, sie kehren die Wahrheit um, aus Unfruchtbarkeit lassen sie sich mit Hilfe der künstlichen Insemination Kinder entstehen. Doch wer fragt diese Kinder, die Vater und Mutter brauchen, um zu gedeihen? (...) Homosexuelles Verhalten ist weder ehefähig, noch familientauglich, noch kinderwürdig."

Nun, neben all seinen Vorurteilen hat hat Herr Flöttmann dann doch noch einen halbwegs wahren Satz in seinem Erguss gesprochen:

"Diejenigen, die sich gegen die rechtliche und kirchliche Gleichstellung der Homosexuellen äußern, werden listigerweise von der homosexuellen Propaganda in die Schamecke der ewig Gestrigen, Spießigen und Konservativen gestellt."

Listig, wie wir NeurotikerInnen so sind, rufen wir Herrn Flöttmann ein letztes "Schäm´ Dich!" zu, bevor wir ihn in seiner Ecke stehen lassen, bis sich das Problem von selbst gelöst hat.

Der Lesbenring e.V. hat mit einem Leserinnenbrief in neuro date aktuell reagiert. Ich bedanke mich für die Genehmigung, diesen Leserinnenbrief (pdf, 8kB) hier dokumentieren zu können.

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1) Gleixner/Müller/Wirth

Die erste Nominierung geht an die Doktores Gleixner/Müller/Wirth für das Kapitel "Homosexualität / Transsexualität" in dem Lehrbuch "Neurologie und Psychiatrie für Studium und Praxis 2004/5". Dieses Lehrbuch wird von vielen MedizinstudentInnen zur Vorbereitung auf die Staatsexamina benutzt.
Wir erfahren dort folgende interessante Dinge, die angehende MedizinerInnen über Lesben und Schwule wissen müssen. Aus dem Text spricht echte Sachkenntnis:

Homosexualität / Transsexualität
Synonyme: Homosexuelles Verhalten, Homophilie, Homoerotismus, konträres Sexualempfinden (...)
weiters Syn. bei Frauen: lesbisch, Tribadie, Sapphismus, Gynäkophilie (...)

Definition: Homo- und Bisexualität werden heute nicht als abweichendes sexuelles Verhalten gewertet !(...)

Ätiologie: - anlagebedingte konstitutionelle Faktoren - erworbene sexuelle Variationen, psychodynamisch: narzisstische, präödipale Triebfixierung, Fehlidentifikation durch eng bindene Mutter oder emotional distanzierten Vater (...)

Einteilung: Frauen: Corophilie (lieben kleine Kinder), Pathenophilie (junge Mädchen), Gynäkophilie (reife Frauen), Graophilie (alte Frauen)

Klinik: Homosexualität: früh bereits homosexuelle Onaniephantasien, sexuelle Stimulation durch gleichgeschlechtliche Objekte und Bilder
- Sexuelle Reifungskrise (ICD-10: F66.01): sexuelle Orientierung noch nicht abgeschlossen, es folgt das "outing" = öffentliche Identifikation
- Männer: meist hohe Promiskuität (wechselnde Beziehungen)
- Frauen: Vorrang hat Zärtlichkeit und emotionale Zuwendung, feste eheartige Beziehungen häufiger

(...)
Therapie: Homosexualität: keine Therapiebedürftigkeit, wenn kein Leidensdruck
(...)
Differentialdiagnose:
- Entwicklungshomosexualität (...) Hemmungshomosexualität (...) Pseudohomosexualität (...)

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